Kunstreise des Civilclubs nach Hamburg und Bremen
Dankbar, glücklich und zufrieden über den harmonischen Verlauf der vier Reisetage, in denen wir vielfältiges Leben in Kunst und Kultur kennenlernen durften, kehrten die 10 Mitglieder des Civilclubs am Samstagabend nach Münster zurück. Mit einem großen Applaus und einem herzlichen Dank verabschiedeten sich die Teilnehmer von unserem freundlichen, umsichtigen und sehr sachkundigen Fahrer Besli Örs, der gelegentliche Busreisen zu seinem Hobby neben seinem Beruf gemacht hat, und Henni Stechmann, die kurzfristig die Reiseleitung übernommen hatte und uns sicher und gekonnt durch das Programm geführt hat.
Am Mittwochmorgen, 03.06., fuhren wir mit einem kleineren sehr gemütlichen Reisebus der Firma Sieckendiek nach Norden, und unser Fahrer wählte als Einfahrt nach Hamburg die berühmte Köhlbrandbrücke. Diese überspannt mit einer 3,6 km langen, leicht geschwungenen Fahrbahn, die mit 88 Stahlseilen an zwei Pylonen hängt und eine Durchfahrt für Containerschiffe von 53 m Höhe ermöglicht, eine wichtige Schifffahrtsstraße im Hafen, die direkt zu den Containerterminals führt. Da die Containerschiffe immer größer werden und höhere Aufbauten haben können und die Brücke (1974 gebaut) jetzt 52 Jahre alt ist, wird über einen Ersatz – Tunnel oder eine neue höhere Brücke – nachgedacht, um in der Branche konkurrenzfähig zu bleiben. Als wir über die Brücke fuhren, riss der graue Himmel auf, und wir konnten den wunderbaren Blick über die Stadt Hamburg und den gewaltigen Containerhafen genießen. Pünktlich zur Mittagszeit erreichten wir bei Sonnenschein unser Fischrestaurant „Hamburger Elbspeicher“, das direkt am Elbufer liegt mit Blick auf die vorbeifahrenden Schiffe. Das war ein wunderschöner Beginn unseres Aufenthalts in Hamburg. Auch fühlten wir uns mit unserer Präsidentin Michaela Heuer in Gedanken sehr verbunden, die uns auf der Fahrt durch Henni Stechmann herzliche Grüße ausrichten ließ und eine gute Reise wünschte mit einem Cellophantütchen, das liebevoll mit verschiedenen Süßigkeiten gefüllt war, die sogar mit Hamburger Emblemen geschmückt waren.
Nach dem Essen bestiegen wir an den St. Pauli-Landungsbrücken ein modernes Fahrgastschiff und konnten bei dem schönen Wetter auf dem Oberdeck draußen Platz nehmen. Zunächst fuhren wir die Elbe abwärts, hatten einen schönen Blick auf die Stadt und einige Sehenswürdigkeiten, die fachkundig von einem „waschechten“ Hamburger Kapitän auf unterhaltsame Weise kommentiert wurden. Sehr spannend wurde es dann, als das Schiff in den Containerhafen einbog. Plötzlich fuhren wir an 400 Meter langen Containerschiffen vorbei, die noch hoch beladen waren. Später sahen wir, wie diese Schiffe unter riesigen Kranbrücken, von denen mehrere nebeneinander stehen, entladen wurden. Alles läuft vollautomatisiert ab. Ein Schiff wird fast nie komplett entladen, es wird nur der Teil gelöscht, der für Hamburg bestimmt ist und neue Container werden dazu geladen, mit denen das Schiff zum nächsten Hafen fährt. Die Präzision, die Geschwindigkeit und Automatisierung der Containerabfertigung ist schon sehr beeindruckend.
Auf der Weiterfahrt durch den Hafen passierten wir noch die letzte 1877 gegründete Großwerft „Blohm & Voss“ mit ihren 5 Trockendocks, von denen eins das größte Trockendock Europas ist, in dem die Queen Mary 2 schon einige Male gelegen hat.
Als wir dann wieder auf die Elbe zurückfuhren, konnten wir die Elbphilharmonie in ihrer ganzen majestätischen Schönheit bewundern und bis zum Ausstieg an den Landungsbrücken das wechselnde Farbspiel in der gewellten Glasfassade beobachten.
Am späten Nachmittag erreichten wir unser „Hotel Reichshof“, das schräg gegenüber dem Hauptbahnhof und direkt neben dem Schauspielhaus liegt. Von außen fiel uns schon die prächtige Fassade aus der wilhelminischen Zeit auf und als wir den Eingang betraten, staunten wir über die prunkvolle denkmalgeschützte Lobby aus dem Jahre 1910 im Art-déco-Stil, ergänzt mit Elementen des Barock und des Klassizismus.
Im historischen Speisesaal, der komplett dem Innern eines historischen Schiffes aus den 1920er-Jahren nachempfunden ist, genossen wir unser gemeinsames Abendessen an einer langen Marmortafel.
Für den Morgen des 2. Reisetages stand die große Stadtrundfahrt auf dem Programm. Ein älterer Herr, stolzer Hamburger von Geburt an, empfing uns freundlich und freute sich, dass er uns seine schöne Stadt zeigen durfte. Mit viel Sachverstand und Engagement hat er uns die Geschichte der Stadt, seine Sehenswürdigkeiten und das Leben der Hamburger Bürger erklärt und mit Erzählungen geschmückt. Der kleine Bus erwies sich dabei als großer Vorteil, weil er uns vieles zeigen konnte, was mit einem großen Bus nicht möglich ist. So konnten wir mit seinen lebendigen Kommentaren folgende Punkte bestaunen:
- das elegante und beschauliche Villenviertel an der Außenalster mit seinen gepflegten Gärten und altem Baumbestand
- die quirligen Straßen in St. Pauli mit unzähligen Bars, Kneipen, Diskotheken, Theater und Strip-Clubs
- die herrliche Aussicht von den Landungsbrücken auf das andere Elbufer mit den gewaltigen Anlagen des Containerhafens und den weiten Blick auf die Elbphilharmonie
- die Speicherstadt mit ihren riesigen roten Backsteingebäuden, dazwischen die schmalen Kanäle mit ihren vielen Brücken
- die St. Michaelis Kirche mit einer 20-minütigen Andacht, bei der alle 4 Orgeln in der wunderschönen Barockkirche einzeln und als Gesamtwerk zu hören waren.
Diesen letzten Höhepunkt verdankten wir der Initiative von Henni Stechmann, die bei unserem fantastischen Stadtführer ein offenes Ohr dafür fand.
Nach einer Mittagspause, wieder in einem schönen Restaurant L’Osteria am Fischmarkt direkt an der Elbe gelegen, erwartete uns ein nächstes Highlight, der Besuch der Ausstellung in der Kunsthalle mit dem Titel: „Maria Lassnig und Edvard Munch – Malfluss = Lebensfluss“.
Werke der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig (1919–2014) und des norwegischen Künstlers Edvard Munch werden in einer großen Doppelschau zusammengeführt. Die Werke treten in Dialog, weil sie nebeneinander oder zu gemeinsamen Themen gezeigt werden. So kann der Besucher die unterschiedlichen Darstellungsweisen der Künstler feststellen. Was beide Künstler gemeinsam auszeichnet, wird in dem Untertitel Malfluss = Lebensfluss ausgedrückt. Kunst ist für sie kein Abbild von außen, sondern sie entsteht aus innerem Erleben heraus. Beide übersetzen Leben (Gefühl, Bewegung, Wahrnehmung) direkt in Malerei, nur in einer anderen Ausdrucksweise. Lassnig malt das Erleben, wie es sich in ihrem Körper anfühlt und drückt es durch Körperbilder aus. Sie nennt es selbst „Körperbewusstsein“. Munch zeigt Gefühle oft als Landschaft oder Raum. So entsteht ein Vergleich zwischen zwei künstlerischen „Sprachen“, die beide den inneren Zustand sichtbar machen. Malfluss = Lebensfluss.
Am 3. Tag machten wir uns morgens auf den Weg zur Konzerthausführung in der Elbphilharmonie. Zunächst erhielten wir eine Erklärung draußen über die Entstehung dieses sehr markanten Baus. Das auffälligste Merkmal ist die Kombination eines historischen Backsteinsockels – des ehemaligen Kaispeichers A – mit einem modernen Glasaufbau. Architektonisch spricht man hier vom Bauen im Bestand. Alte Substanz bleibt sichtbar und wird durch moderne Architektur ergänzt. Symbolisch steht das für Hamburgs Wandel vom Industriehafen zur Kulturmetropole.
Der obere Teil besteht aus einer komplexen Glasstruktur mit über 1000 individuell geformten Glasscheiben mit geschwungenen und reflektierenden Oberflächen und einer Dachform wie eine Welle. Dadurch entsteht ein Gebäude, das je nach Licht und Wetter ständig anders wirkt und eine starke Fernwirkung im Stadtbild Hamburgs hat.
Zwischen Altbau und Neubau befindet sich eine frei zugängliche Plattform „Die Plaza“ mit einem 360-Grad-Blick über Hamburg und dient als öffentlicher Treffpunkt. Jeder Bürger hat freien Zutritt und in 2,5 Minuten erreicht man diese Plattform über die längste gebogene Rolltreppe Europas.
Auch im Innern ist die Architektur außergewöhnlich, der große Konzertsaal ist „schwingungsgelagert“, und das ist ein zentraler Trick für die außergewöhnliche Akustik. Der Saal steht nicht auf dem restlichen Gebäude, stattdessen ruht er auf 360 großen Stahlfederpaketen, die wie Stoßdämpfer wirken. Diese sorgen dafür, dass Schwingungen von außen nicht in den Konzertsaal gelangen. Im Innern des Saales befindet sich eine „Weiße Haut“, die aus 10000 Gipsplatten besteht, die mit millimeterfeinen Vertiefungen und Erhebungen versehen sind. Jede Platte wurde computergestützt individuell berechnet, damit der Schall optimal im Raum verteilt wird, sodass jeder Platz ähnlich gut klingt. Wir konnten uns selbst davon überzeugen, denn von der 6. Etage hatten wir Zugang in den Konzertsaal, wo gerade das Orchester für den Abend probte.
Das Ernst Barlach Haus, im Jenischpark in Othmarschen in der Nähe des Elbufers gelegen, erreichten wir am Nachmittag mit großer Verspätung, weil der direkte Weg über die schöne Elbchaussee leider gesperrt war. In dem 1962 errichteten flachen, sehr lichten weißen Museumsbau, der von Hermann F. Reemtsma gestiftet wurde, erhofften wir, schöne Werke aus der großen Sammlung des Künstlers Ernst Barlach zu sehen. Doch außer einigen Graphiken konnten wir nur den „Berserker“ von 1910, die „Verhüllte Bettlerin“ von 1914, den „Fries der Lauschenden“ von 1935 anschauen. Dieser Fries gehört zu Barlachs Spätwerk und gilt als eines seiner wichtigsten Werke. Der Fries besteht aus 9 aus Eichenholz geschnitzten aufrecht stehenden Figuren, die wie auf etwas Unsichtbares konzentriert lauschen. Das Gesicht jeder Figur drückt ein individuelles Erleben aus. Barlach hat jeder Figur auch einen Namen gegeben, die spezifische Empfindungen zum Ausdruck bringt. Trotzdem bilden sie eine harmonische Gemeinschaft. Er wollte damit zeigen, dass Menschen nach innen hören und ihren eigenen Sinn im Leben suchen.
Am Samstag, dem letzten Tag unserer Reise, nahmen wir um 10.00 Uhr Abschied von Hamburg und erreichten Bremen bei herrlichem Sonnenschein. Unser Busfahrer fand einen günstig zur Altstadt gelegenen Parkplatz am Weserufer, sodass wir auf einem kurzen Fußweg die Böttcherstraße, die „heimliche Hauptstraße“ der Hansestadt erreichten.
Das Besondere an der ca. 100 Meter langen Straße, die den historischen Marktplatz mit der Weser verbindet, ist der außergewöhnliche Backsteinexpressionismus. In diesem Stil wurde sie in den Jahren 1922–1931 erbaut und von Anfang an als Touristenattraktion konzipiert. Im 2. Weltkrieg völlig zerstört, wurde sie bis 1999 architekturgetreu wieder mit vielen Spendengeldern aufgebaut und lockt heute mit Kunst, Kultur und Gastronomie Menschen aus aller Welt in ihre Gasse. Wir erreichten genau 12.00 Uhr das „Haus des Glockenspiels“ und hörten 30 Meißener Porzellanglocken mit Seemannsliedern erklingen und sahen 10 holzgeschnitzte Tafeln mit Darstellungen der Ozeanüberquerer, die sich im benachbarten Turm drehten.
Direkt nebenan besuchten wir mit einer ausgezeichneten Führerin das „Paula Modersohn-Becker Museum“, das weltweit erste Museum, das dem Werk einer Malerin gewidmet ist. Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker (1876–1907) findet dort eine Jubiläumsausstellung statt mit dem Titel „Becoming Paula – London – Berlin – Worpswede – Paris“.
Mit rund 60 Gemälden und Arbeiten auf Papier wird gezeigt, wie Paula sich zwischen Bremen, Worpswede und Paris zu einer der wichtigsten Künstlerinnen der Moderne entwickelt hat. Wenn man bedenkt, dass sie nur 31 Jahre alt geworden ist. Dabei sind ihre vielen Selbstporträts (sie hat sich über 60-mal selbst gemalt) von besonderer Bedeutung, da in ihnen die Suche nach der Identität („Wer bin ich als Künstlerin?“) ablesbar ist. Sie zeigt sich so, wie sie sich „fühlt“ – nicht wie sie aussehen „sollte“. Schaut den Betrachter oft direkt an, wirkt selbstbewusst und unabhängig. Sie malt nackte Selbstporträts, was „revolutionär“ ist (1906) – Frauen wurden vorher nur von Männern nackt dargestellt. Ihre Selbstporträts zeigen eine Frau, die sich selbst definiert, nicht Objekt, sondern Subjekt ist. Sie wird zur Pionierin moderner Kunst, Vorläuferin des Expressionismus.
Mit einer letzten gemeinsamen Mittagspause in Becks Bistro direkt am historischen Marktplatz mit seinem prächtigen Renaissance-Rathaus und dem mittelalterlichen St. Petri Dom genossen wir die gemütliche Atmosphäre der Altstadt von Bremen.
Auf der anschließenden Rückfahrt waren wir uns alle einig, dass wir Hamburg als eine weltoffene, lebendige, maritime, international anerkannte Stadt kennengelernt haben, die durch die Elbphilharmonie auch noch zur Musikmetropole geworden ist. Auch der kurze Abstecher in die historische Altstadt von Bremen und das kulturelle Highlight der Böttcherstraße hinterlassen einen bleibenden Eindruck.
Wie anfangs erwähnt, verabschiedeten wir uns in Münster mit Freude und Dankbarkeit von unserem sachkundigen Fahrer und von unserer lieben Henni Stechmann, die eine ausgezeichnete Reiseleiterin war, aber auch voneinander, denn wir waren in den 4 Tagen zu einer harmonischen Gruppe zusammengewachsen.
Text: Maria Meyer